Nachhaltigkeit

Die Arbeit von Kinder in Haiti zielt auf Nachhaltigkeit!

Schon mit der Aufnahme bei uns wird das Kind in einer öffentlichen Schule angemeldet. Mit der sich täglich wiederholenden Erfahrung, drei Mahlzeiten einnehmen zu können, mit der Gewissheit sicher vor körperlichen und seelischen Grausamkeiten und vor nächtlichen Übergriffen zu sein, wächst bei den Kindern Selbstvertrauen. Kleine und größere Erfolge in der Schule, im täglichen Spielen und sozialem Handeln lassen die Überzeugung von Selbstwirksamkeit entstehen. Auf diesen Grundlagen basiert die Nachhaltigkeit unserer Arbeit mit den Kindern. Das Konstrukt der Nachhaltigkeit wird mit folgenden Bausteinen erweitert:
  1. Förderung der Fähigkeit selbststänig leben zu können
  2. Teilhabe am Projektmanagement
  3. Mit-Erleben der Entwicklungs- und Lernfähigkeitfähigkeit unserer Einrichtung

1. Förderung der Fähigkeit selbstständig leben zu können

Schulabschluss an einer öffentlichen Schule
Beispiel: im Sommer 2017 haben zwei unserer Mädchen das Abitur gemacht, eins wird Wirtschaftswissenschaften studieren, ein Mädchen beginnt eine Krankenpflegeausbildung.

Anlernphase oder Ausbildung
So wurde Junior, der im Jahr 2000 als 4 Jähriger selbstständig bei uns um Aufnahme bat,  mit unserer Unterstützung zum Elektriker ausgebildet. Nach einer zweijähriger Weiterbildung hat er inzwischen die Qualifikation für  das Studium der Betriebswirtschaft erworben. Zwei Mädchen beginnen eine Ausbildung in einer Näherei. Ein Mädchen hat sie abgeschlossen.

Lernen von Hygiene, Erwerb von Kleidung und von Nahrungsmitteln und deren Zubereitung

Schon früh lernen unsere Kinder überlebensnotwendige Standards der Körperhygiene.

Neben Kleidung aus dem Großeinkauf können die Kinder in altersgemäßem Umfang Garderobe von ihrem Taschengeld erwerben.

Für den preisbewussten Einkauf von Nahrungsmitteln sind unsere großen Kinder zuständig und müssen diesen auch verantworten. Von klein auf sind alle Kinder in eine gesunde Essenszubereitung einbezogen.

Das Spülen des Geschirrs und die Reinhaltung der Räumlichkeiten wird hauptverantwortlich von den Jungen und das Waschen der Kleidung von den Mädchen übernommen. An geschlechtsübergreifenden Verantwortlichkeiten wird gearbeitet. Die Auseinandersetzungen mit anscheinend geschlechtsrollen spezifischen Vorlieben bieten hier immer wieder lebendige Schauspiele.

Zusätzliche Vorbereitung für den hart umkämpften Arbeitsmarkt

Zu unseren Standards gehört die Vermittlung von grundlegenden Kenntnissen in MS World, Excel und PowerPoint.
In Vorbereitung auf die Selbstständigkeit werden anteilige Kosten für den Erwerb des Führerscheins übernommen (zur Zeit übernimmt der Verein 250 von 310 USD, die restlichen 60 USD sind vom Jugendlichen anzusparen).

Unser Qualifizierungskonzept sieht vor, dass jedes Kind eine seinen Leistungspotenzialen entsprechende Qualifikation für den Arbeitsmarkt erlangt.

Wenn die Voraussetzungen für ein selbstsändiges Leben gegeben sind, werden die Jugendlichen bei der Suche nach einer Arbeitsstelle und einem Zimmer begleitet. Falls erforderlich wird eine berufliche Selbständigkeit unterstützt.

Julianie hat im Dezember einen Jungen geboren; sie lebt heute im Haushalt ihrer Schwiegermutter. Im Sommer 2017 hat sie ihr Abitur gemacht und macht jetzt mit unserer Unterstütung eine Ausbildung zur Krankenpflegerin.

Junior hat mit unserer Hilfe eine Ausbildung zum Elektriker absolviert und nach Weiterbildungsmaßnahmen die Hochschulzulassung für Betriebswirtschaft bekommen. Er besucht regelmäßig unser Kinderheim und gibt den Kindern Unterricht am Computer.

Jessica hatte die Schule abgebrochen, dann aber eine Ausbildung zur Näherin begonnen und erfolgreich abgeschlossen. Sie hat inzwischen viele Sozialkontakte und lebt seit Anfang 2018 in der Stadt.

von links nach rechts: Julianie, Junior und Jessica

2. Teilhabe am Projektmanagement

Übertragung von Verantwortung an “Kinder in Haiti / Haiti"

Seit längerem legt die Vereinsleitung in Deutschland kontinuierlich mehr Entscheidungsbefugnisse in die Hände der Kinder und Jugendlichen, der Mitarbeiterinnen und der Verwaltungsleiterin in Haiti.

Mädchen machen Verantwortung ...

Im Frühjahr 2018 konnte die Verantwortung für das Leben und die Versorgung im Kinderheim weitest gehend in die Verantwortung der großen Mädchen gegeben werden. Im Auftrag des Kinderparlamentes verwalten sie heute das gesamte Budget zur Versorgung der Heimbewohner.

Mit Aufnahme der Erdbebenwaisen im Jahr 2010 wurde das Kinderparlament eingefüht, das damals noch wöchentlich am Freitag tagte.

Heute tagt das Kinderparlament ein mal im Monat. Hier werden Beschwerden, Verbesserungsvorschläge und gemeinsame Vorhaben besprochen. Im Kinderparlament wurde zum Beispiel beschlossen, einen Grossteil der Betreuung kleiner Kinder selbst zu übernehmen. Verantwortlich zuständig für die jüngeren Kindern ist Mme Pele, die sich früher ausschließlich um Jeffline und Jefte im Säuglingsalter gekümmert hatte.

An jedem letzten Freitag im Monat um 16 Uhr treffen sich alle Bewohner zum Kinderparlament.
Abend Re-view
Eine Stunde vor Sonnenuntergang wird im überdachten Anbau unsere große Holztrommel geschlagen. Jetzt ist Zeit für ein zwangloses Beisammensein.

Im Sonnenuntergangstreffen kann jeder über Schönes und weniger Schönes vom vergangenen Tag berichten oder Themen für das Kinderparlament vorbereiten.

Neben der Spendenbereitschaft in Deutschland bildeten das Kinderparlament und die Sonnenuntergangstreffen die Basis für die gelungene Integration der vielen Erdbebenwaisen aus dem Süden Haitis.

3. Entwicklungs- und Lernfähigkeit

Die Fähigkeit, sich erfolgreich auf neue Lebensumstände einzurichten, kann nur in geringem Umfang theoretisch erworben werden.

Gleichbleibende emotionale Zuwendung, die Verlässlichkeit von Beziehungen und die Erfahrung selbstwirksam in seinem Umfeld handeln zu können sind die Grundlagen für den Erwerb der Fähigkeit, erfolgreich mit neuen Herausforderungen umgehen zu können.

Ein Bild von erfolgreich bewältigten Herausforderungen im Gedächtnis unserer Kinder zu implementieren ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Das Fehlen staatlicher Sozialleistungen und das bei unseren Kindern fehlende familiäre Unterstützungssystem macht die Vorbereitung auf eine weitest gehende Selbstständigkeit im Leben notwendig. Die Erziehung zur Hilfsbereitschaft stellt in diesem Zusammenhang eine besondere Herausforderung dar.

 

In den ersten Jahren nach dem Erdbeben herrschte im ganzen Land viel Unsicherheit. Viele Srukturen fehlten.

In Zeiten politischer Unruhe gründete unser Verein im Februar 2000 in Haiti ein Waisenhaus für 10 Kinder.
Am 12. Januar 2010 wurde der Süden Haitis von einem Erdbeben verwüstet, bei dem mehrere Hunderttausend Menschen starben. Noch im Januar konnte unser Verein nach zahlreichen Hilfezusagen den Entschluss fassen, bei uns im Norden von Haiti ein weiteres Waisenhaus für betroffene Kinder aus dem Erdbebengebiet aufzubauen.
Im Februar 2010 haben wir zahlreiche Kinder aus Port au Prince aufgenommen.

Mit großer Anstrengung konnten in den Jahren nach dem Erdbeben überlebende Verwante gefunden werden, die bereit waren mit unserer Anfangsunterstützung Kinder in ihre Familie aufzunehmen.

Einige Kinder, bei denen dies nicht gelang, leben noch heute bei uns. Sie konnten ihren Verlust best möglich verarbeiten und haben ihren Platz an der Seite unserer anderen Kinder gefunden.

Den Kindern aus Port au Prince wurde Zeit gegeben mit sich dem Verlust von Angehörigen auseinander zu setzen. Neben dem Schulbesuch wurden schon bald erste gemeinsame Ausflüge unternommen.

Seit vielen Jahren werden Kinderheime in Haiti von den Behörden kontrolliert. Auf Anweisung der Sozialbehörde wurden mehrere Waisenhäuser in Cap Haitien geschlossen. Unserer Einrichtung wurde für unseren Standard immer wieder gelobt. Vertreter von Sozialbehörde baten uns oft, Waisenkinder von geschlossenen Einrichtungen aufzunehmen. Auch wurden wir oft von der Polizei gebeten, Kinder aufzunehmen, die sie hilflos ohne familiäre Bezüge in der Stadt aufgefunden hatte. Viele dieser Kinder konnten wir nach längerem Aufenthalt bei uns in Familien oder andere Einrichtungen vermitteln. Mehrere von ihnen leben noch heute bei uns und werden bis zur Verselbständigung bei uns bleiben.

Seit 2010 haben wir drei Säuglinge aufgenommen. Bis zur Vollendung ihres ersten Lebensjahres hatten wir neue Mitarbeiterinnen mit Zeitverträgen eingestellt, die ausschließlich für deren Betreuung zuständig waren.

Die drei Kinder leben noch heute bei uns und machen eine sehr erfreuliche Entwicklung.

Mme Pele, die zwei der Kinder umsorgte, arbeitet noch heute für uns, inzwischen ohne Befristung.

Nameili, als Säugling zu uns gekommen, und Mme Mislene, die durch einen Querschläger aus einer Pistole auf dem Weg nach Hause ums Leben kam.
Wöchentlich erhalten unsere Kinder von ehemaligen Bewohnern Unterricht in MS Word, Excel und Powerpoint

Ein Waisenheim mit einer sehr flexiblen Anzahl von Kindern und Jugendlichen (nach dem Erdbeben bis zu 57 Kindern, spätere Rückführung von Kindern zu von uns gesuchten Angehörigen, Zuweisung von Sozialbehörden und Polizei "gefundener" Kinder) ist eine Unternehmung, die jeden Tag neue Herausforderungen präsentiert. Die Gesundheit der bei uns lebenden Kinder, ihre Schulausbildung und ihr Sozialverhalten erfordern zeitnahe Entscheidungen unserer Leitung des Kinderparlamentes und der (einheimischen) Geschäftsleiterin. Das gilt natürlich ebenso für Ereignisse im Umfeld des Heimes. Kontakte mit Schulen, Behörden und Lieferanten gehören zum alltäglichen Geschäft. Aber auch Fragen, die die gesamte Heimstruktur herausfordern sind zu bewältigen. Dabei müssen sich unser Team wie auch die Kinder in unserem Heim als anpassungs- und optimierungsfähige Gemeinschaft täglich neu bewähren.